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Black Rock City 1999

Stell Dir einen abstrakten, leeren Raum vor, eine endlose, flache Ebene, wo sich absolut nichts befindet—außer dem Wenigen, daß Du Dir selbst mitbringst. Jeder kann in diesen Raum eindringen, alle sind gleichgestellt. Keinen kümmert es, welcher Klasse, Religion, Ideologie, oder Hautfarbe Du angehörst. Im Gegenteil, willst Du etwas neues ausprobieren, ein anderer Mensch werden, experimentieren? Das ist Deine Chance!

Michael at Burning Man Vielleicht denkst Du, der einzige Ort, wo so etwas möglich ist, sei das Internet, der Cyberspace. Aber ich rede von dem Ereignis, daß jährlich in der Back Rock Desert stattfindet, dem größten Flachland Nord Amerikas. Eine leere Wüßte, die in weiter ferne von Bergen eingerahmt ist. Zwischen Deinen Händen und den Bergen ist nichts als ein großes Vakuum. Beim umherwandern erkennst Du plötzlich kleine Punkte, die wie aus dem nichts erscheinen. Wenn man an diese dichter herankommt, so erkennt man ganz plötzlich Formen—ein riesiger neonfarbener Augapfel, einen Baum aus Knochen, eine Ansamlung von Totempfählen, eine Pyramide, oder eine Kuppel, und alles scheint endlos weit auseinanderzuliegen. Solche Objekte findest Du hier viel. Solche Dinge wurden von Menschen für eine Woche herbeigeschafft, und werden innerhalb weniger Tage wieder verschwunden sein. Die Wüste ist eine einzige Leinwand, alles ist möglich.

Je näher Du zum Zentrum dieser Ansammlung von Artifakten kommst, umso dichter und belebter wird es. Schließlich erreichst Du den äußeren Kreis von Black Rock City. Mit ein bißchen Fantasie erkennst Du konzentische Straßen, die von sternförmig angelegten Wegen durchkreuzt werden. Wenn Du Glück hast, kannst Du sogar schon in weiter Ferne den Mann im Zentrum dieser Anordnung erkennen. Es ist belebt und exotisch.

Einen Wecker brauchst Du morgens nicht. Wenn die Morgensonne Dich in Deinem Zelt kocht, weißt Du, daß es Zeit ist aufzustehen. Wenn Du Glück hast, kannst Du einen Mann auf dem Klo sitzen sehen, wie er in Ruhe mit heruntergelassenen Hosen die Zeitung liest—während er, von einem Gefährt gezogen, mit 30 Stundenkilometern durch die Wüste poltert! Die Morgenstunden sind perfekt, um zu Fuß oder auf dem Fahrrad diesen kleinen Kosmos zu erkunden. Aber vergiß nicht—sei ein Teil des ganzen—Zuschauer sind nicht erlaubt! Teilnehmer sind erwünscht. Wird es also das arabische Kostüm sein? Oder verbringst Du die nächste Stunde mit Deinem Freund/Lover/Stranger, und läßt Deinen Körper von Kopf bis Fuß bemalen, um als wandelndes Zeichen ein Teil des Ganzen zu sein? Viel Zeit bleibt nicht, denn spätestens am frühen Nachmittag ist es so heiß, daß Du Dir einen schattigen Platz suchst, um neue Leute kennenzulernen. Oder vielleicht machst Du einfach nur einen Mittagsschlaf, denn die letzte Nacht hast Du bestimmt nicht viel geschlafen!

The Prophet on the Bone Tree Der späte Nachmittag lädt zum Tanz ein. Es ist lau, überall wird Musik gespielt, und jeder genießt die paar Stunden, in denen die Temperatur ideal ist. Ein Fremder bietet Dir einen Drink an, den Du freudig entgegennimmst. Als Gegenleistung rezitierst Du ein Gedicht, daß Du gestern erstellt hast. In Black Rock City gibt es kein Geld. Du tauschst, oder genießt das Gefühl, jemanden eine Freude gemacht zu haben, wenn Du etwas weggibst. Ich habe Glück an diesem Nachmittag, denn gerade als ich am Knochenbaum vorbeiging—einem riesigen Baum aus Tierknochen und auf Rädern—hörte ich, daß eine Prozession geplant war. Und in der tat, Minuten später stand der Prophet auf dem Podium, und kündigte den Beginn des Zuges an. Hörner, Rasseln und Trommeln erklingen, und der Zug setzt sich in Bewegung. Mönche in Kutten gehen würdig nebenher, während nackte Tänzer mit Blumenkränzen wild umherspringen. Es geht mitten in die Wüste, und mehr und mehr Menschen schließen sich der Menge an. Es ist eine Mischung aus Vatikanzeremonie, Zirkus, und indianischem Ritual. Am Ziel angekommen, sprach der Prophet zum Volk.

Die Nächte haben Magie hier. In einer Nacht war ein eindrucksvoller Meteorietenschwarm zu sehen, wie er über den Himmel zog. Feuer und Trommeln sind überall, und die Menschen rücken zusammen um sich zu wärmen. Wenn Du aufpaßt, siehst Du einen Schwarm neonleuchtender Fische durch die Nacht ziehen—und falls sie dichter herankommen, siehst Du, daß diese auf Fahrräder montiert sind. Riesige Installierungen zerbersten in Feuer—das knistern der Flammen wird kaum von den Trommeln und dem Gesang übertönt. Du siehst Laserlicht am Himmel. Die Menschen um Dich herum sind wie in Trance. Die Kälte ist unerbitterlich, aber der Körper muß mitmachen, und wird mit Alkohol und Drogen betäubt.

Burning Man ist nur eine Woche lang—dennoch kommen Teilnehmer schon Monate vorher in die Wüste, um ihre Installierungen aufzubauen. Und in San Francisco, wo die Masse der Teilnehmer herkommt, finden das ganze Jahr lang Ereignisse statt: Beach Burn und Flambe Lounge, um sich auf das Ereignis vorzubereiten, und Decompression Parties, um sich langsam wieder an das normale Leben zu gewöhnen. Burning Man ist ein unvergeßliches Ereignis.


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© 2000 Michael Jastram <micky@alum.mit.edu>