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![]() Worte | Begegnungen Während meiner Jahre in München als Malerin und Graphikerin war ich lange auf der Suche nach meinem Stil, nach meiner Klarheit, hatte aber immer das Gefühl, nicht das Wesentliche zu treffen: meine Wahrheit, wie ich sie mir vorstelle. Die Bildersprache der Märchen aus meinen Kindertagen kam mir immer wieder in den Sinn: Menschen laufen herum, bekleidet mit "des Kaisers neuen Kleidern", verbergen ihren Namen "Rumpelstilzchen" hinter Titeln aller Art, ignorieren die wahren Strukturen unserer Beziehungen und leiden daran ein Leben lang. Die Schönheit eines reifen Gesichts, die Unschuld eines Kindes, das tragische Lachen des Clowns: das wollte ich sichtbar machen. Den Charakter suchte ich in die objektiv richtige Wiedergabe der Gesichtszüge, im Portrait, einzubetten. Damals konnte ich nicht sagen, warum ich darin letztlich keine Befriedigung fand, heute weiß ich es: Was mich bewegte, das war nicht der Mensch für sich allein, sondern seine Beziehungen zu und mit anderen. Aber hier reichte mir meine Leinwand zur Gestaltung nicht mehr. Es mußte ein Material sein, das dem Leben näher war, das echter war. So begann ich nach etwas zu suchen, das mir erlaubte, diese Beziehungen auszudrücken, und dazu einen neutralen und doch auch ergänzenden Hintergrund lieferte: Holz! Holz hat Gerüche, Gerüche, die Bilder herausfordern, Erinnerungen wachrufen. Holz erzählt Geschichten. Holz lebt, wie der Mensch, Holz wächst, solange es lebt, Holz ist ein Teil der Natur, Holz verändert sich, und kein Holz ist wie ein anderes, keine Maserung findet sich ein zweites Mal, sowie kein Mensch identisch ist mit einem anderen. Holz bietet als Werkstoff einen natürlichen Hintergrund. Seine Struktur ist Ornament, lenkt nicht ab, und obwohl die Struktur present ist, verdrängt sie das Gemalte nicht, sondern lädt zur Meditation ein. Hier war endlich das Material, das mein Anliegen umrahmen, es umfassen konnte, ohne abzulenken. Holz läßt mich mit breitem Pinselstrich malen, in der Form großzügig sein. Details werden unwichtig. Meine Wahrheit, mir Wichtiges bleibt. Ich kann meine Geschichten einfach erzälen, die von der Bodenständigkeit, von der Nähe, von der Liebe, Verlassenheit, Trauer: die Geschichten von menschlichen Beziehungen. Das Bild erstarrt nicht, es lebt weiter, verändert sich. Himmel werden dunkler, Felder satter, Zeiten gehen über das Holz und hinterlassen Spuren: Spuren der Zeit. In dieser Zeit sind wir, leben wir, hier liegt unsere Chance und unsere Hoffnung. Hier und jetzt ist der einzige Ort, wo wir etwas tun können, verändern können, wo wir uns begegnen können.
Um ihr persönliches Anliegen auszudrücken, nämlich die Beziehungen zwischen Menschen, wählt Heidi Jastram einen sehr eigenwilligen Stil mit einer nicht weniger eigenwilligen Technik. Dieser Stil bildet mit dem Material Holz, das sie verwendet, eine faszinierende Symbiose. Das wird in der Wahl ihrer Farben besonders deutlich. Vorwiegend verwendet sie Erdfarben und Mischtöne. Sie begegnet dem Holz mit ebenbürtiger Farbharmonie, ehe sie in verschärften Konturen Farbe und Holz wieder von einander trennt, ohne es zu verletzen. Ihre Farben leben mit dem Holz, auch ihre Formen. Diese sind weich, fließend, rund, geschmeidig und nachgebend, so wie die auf den Bildern als Bezugsfeld zur Natur gewählten Hügel, Felder, Bäume, Wiesen und Hecken, die bei längerer, besonders meditativer Betrachtung, hinüberfließen in die Maserungen des Holzes. So zeichnet auch das Holz Hügel, Wiesen, Äcker, Horizont, Wolken, Sonne und Mond. In diesen sich immer wieder neu umarmenden Farben und Formen im Spiel mit dem gelebten Holz liegt der große Zauber ihrer Bilder. Die Wärme, die sie ausstrahlen, lassen uns innehalten für Momente, wir horchen in uns hinein und finden vielleicht ein Stück Erinnerung an Kindheit, an Gerüche, Gefühle, Worte... Das macht die Überzeugungskraft der Bilder aus. Man erlebt die Traurigkeit der betrogenen Frau, die Verlassenheit des Heimalosen, die Freude der Mutter mit ihrem Kinde, die Geborgenheit in einer Gruppe, die Erschöpfung Am Ende eines langen Tages, das Warten auf den Heimkehrenden, die Fürsorge der Lieben Oma, das reife Wissen eines Paares in Du bist mein Leben, den Herbst des Lebens, die Nestwärme, die Innigkeit einer Umarmung.
Bilder sind manchmal Begegnungen.
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© 1999 Heidi Jastram |
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